Max Traeger – kein Vorbild!

Max Traeger – erster Vorsitzender der GEW und Namensgeber einer GEW-nahen Stiftung – war Mitglied im NSLB (Nationalsozialistischen Lehrerbund), verbreitete die Legende der zwangsweisen Eingliederung von Lehrer_innenverbänden in den NSLB und war tatkräftig an der mehr als fragwürdigen Historie um den Besitz der Ro19 durch die GEW beteiligt. Alles in allem: kein Vorbild!

Unter diesem Titel veröffentlichte der Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten in der GEW in offenen Brief an den GEW Hauptvorstand und alle Mitglieder, in dem die Umbenennung der Max-Traeger-Stiftung und eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit gefordert wird. In einer eigenen Stellungnahme erklären wir unsere Intention den Brief zu unterstützen und rufen zu dessen Unterzeichnung auf. Beides und zwei taz-Artikel sind unten dokumentiert.

Max Traeger – kein Vorbild!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

schon seit einigen Jahren gab und gibt es Diskussionen über die Geschichte des NS-Lehrerbundes (NSLB) und den Umgang der GEW mit ihm. Das rührt auch daher, dass der spätere GEW-Vorsitzende, nach dem eine Stiftung benannt ist, ausgerechnet ein Mitglied des NSLB war: Max Traeger. Dieser Mann, nach 1945 dann aktives FDP-Mitglied, ist zu Recht umstritten.
Seine Mitgliedschaft im NSLB ist sicherlich kein Argument, um ihn als Vorbild zu ehren. Auch die Mitgliedschaft in der FDP nach 1945 ist für Mitglieder einer Gewerkschaft nicht unbedingt ein Grund, in Jubel auszubrechen.
Aber diese beiden Punkte allein sind es nicht: der entscheidende Punkt ist, dass Max Traeger mit großer Energie an der Legende mitgestrickt und an der Lebenslüge mitgearbeitet hat, dass die Verbände der Lehrkräfte im Jahr 1933 angeblich zwangsenteignet und zwangsweise in den NSLB eingegliedert wurden. Das ist für die große Mehrheit der alten Organisationen der Lehrkräfte, insbesondere in Hamburg, schlicht und einfach gelogen.
Diese Geschichtsfälschung hat eine doppelte Funktion:
Zum einen war dies eine große Möglichkeit für die Masse der nazifizierten Lehrkräfte (97 % der Pädagog_innen waren im NSLB, ein Drittel davon waren NSDAP- Mitglieder, oft mit wichtigen Funktionen), sich aus ihrer Verantwortung zu stehlen und ihre Mitgliedschaft als Bagatelle darzustellen. Das kam der Tendenz zur Renazifizierung der Bundesrepublik Deutschland insbesondere nach 1949 sehr entgegen. Die GEW beteiligte sich massenhaft daran, berechtigte Sanktionen gegen NS-Lehrer_innen mit ihrem Rechtsschutz wieder rückgängig zu machen. Ein Beweis für die „zweite Schuld“, die auch nach 1945 vor der GEW nicht halt gemacht hat und bis heute so gut wie gar nicht systematisch analysiert wurde.
Die zweite Funktion dieser Lügengeschichte bestand in der Behauptung, die Masse der Mitglieder der alten Lehrerverbände habe angeblich „zwangsweise“, also nicht freiwillig und nicht mit großer Begeisterung, den Eintritt in den NSLB vollzogen – das galt gerade auch für den Eintritt in den NSLB in Hamburg (so heißt es in Stein gemeißelt auf der Tafel am Curiohaus in Hamburg: „Im Mai 1933 gliederte der NS-Lehrerbund den Verband zwangsweise ein“).
Max Traeger war Vorsitzender eines Lehrervereins mit dem altehrwürdig-merkwürdigen Namen „Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens“. Diese Hamburger Organisation ist in zwei großen Schritten 1933 und 1934 mit großer Begeisterung und fast einstimmig (bei sieben Gegenstimmen) in den NSLB eingetreten und hat auch sämtliches Vermögen freiwillig den Nazis, dem NSLB, zur Verfügung gestellt – es gab keine Enteignung. Und Max Traeger erhielt kein „Berufsverbot“, wie etwa in Wikipedia behauptet wird. Das ist eine Legende. Er konnte, wenn auch nicht mehr als Schulleiter, als Lehrer bis 1945 arbeiten, wie die Akte des Entnazifizierungsverfahrens zeigt.
Nach 1945 nun die Rückgabe des dem NSLB freiwillig übergebenen Vermögens an die GEW zu verlangen, – das war einer der Hauptaktivitäten von Max Traeger nach 1945 – erwies sich als ein geschickter Schachzug, um sich als „Opfer“ der NS-Diktatur darzustellen und das Mittun und das Mitwirken, den freiwilligen Anschluss an den NSLB zu vertuschen. Dabei ging es auch um finanzielle Dinge. Das kam heraus, als vor einigen Jahren Aktivist_innen der GEW in Hamburg nachwiesen, dass der NSLB einem jüdischen Hausbesitzer unter dem Druck der Nazi-Verfolgung ein Haus abgerungen hatte. Max Traeger, der hier im Nazi-Jargon nach 1945 noch vom „Judengrundstück“ schrieb, spielte dabei nach 1945 eine entscheidende Rolle. Mithilfe alter Nazis des NSLB half er, die lügnerische Behauptung aufzustellen, dass dieses Haus nun der GEW gehöre, da die Nazis es doch mit den Geldern der alten Lehrerorganisation gekauft hätten. „Judengrundstück“? Alles sei mit rechten Dingen zugegangen, die Nazis hätten einen fairen Preis gezahlt, hieß es dann später. Max Traeger war führend an diesem Betrug beteiligt, wie alle Dokumente beweisen, die die Aktivist_innen der GEW in Hamburg, aber auch Historiker_innen ausgewertet und bewertet haben.
Als in der GEW aktive Studierende sehen wir den Bedarf nach weiterer Forschung zur Frage von personellen und materiellen Kontinuitäten des NS in der GEW und nach einer Debatte über den Umgang damit in den Nachkriegsjahrzehnten, insbesondere mit Blick auch darauf, was das für die heutige gewerkschaftspolitische Praxis bedeutet. Unser Vorschlag und unser Anliegen ist es, diese Debatte breit und öffentlich zu führen und dann die Umbenennung der Max-Traeger-Stiftung zu beschließen.
Wir schlagen vor, dafür den Namen eines Mitbegründers der GEW zu verwenden, etwa den in der Nazizeit emigrierten Heinrich Rodenstein, der den bemerkenswerten Satz prägte: „Es muss ja schließlich im Vierten Reich ein paar geben, die sich nicht bekleckert haben“, also nach einem Aktivisten der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik (erst KPD, ab 1931 SAP), der auch unter den Lehrerkräften politisch gearbeitet hat und später (1960-1968) Vorsitzender der GEW war.

Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten der GEW (BASS)

Download als pdf

Stellungnahme der GEW-Studis Hamburg zum Offenen Brief des BASS an den Hauptvorstand und Mitglieder der GEW für die Umbenennung der Max-Traeger-Stiftung

Der Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten (BASS) der GEW hat sich in einem offenen Brief an den Vorstand und Aktive in der GEW gewandt und fordert die Umbenennung der Max Traeger Stiftung und Aufarbeitung von NS-Kontinuitäten innerhalb der GEW. Als LASS Hamburg (GEW.Studis Hamburg) unterstützen wir diese Forderung. Als Antifaschist_innen und politisch Aktive erscheint es uns auch 72 Jahre nach dem Ende der Verfolgung und industriellen Vernichtung von Millionen von Menschen unabdinglich, sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen und Beteiligungen im Nationalsozialismus sowie personelle, strukturelle und ideologische Kontinuitäten nach der Kapitulation Nazideutschlands lückenlos aufzuarbeiten.

Dass Max Traeger keine Vorbildfunktion erfüllt und keine Person darstellt, auf die sich eine Organisation wie die GEW positiv beziehen sollte, wird in dem offenen Brief und durch die darin angegeben Quellen mehr als deutlich. Wir sehen die dringende Notwendigkeit einer öffentlichen Aufarbeitung und unterstützen aus diesem Grund den offenen Brief und seine Forderungen. Dass aus dem Brief heraus in missverständlicher Weise interpretiert werden konnte, dass die GEW Hamburg nach wie vor im Besitz der Rothenbaumchaussee 19 wäre, war dabei nicht intendiert und ist im Brief und in dem begleitenden taz-Artikel mittlerweile geändert.

Als in der GEW Hamburg Aktive ist uns bewusst, dass die Diskussionen um den Verkauf der Ro19 eine langwierige Auseinandersetzung darstellt, die die GEW Hamburg lange Zeit beschäftigt hat. Mit dem offenen Brief und den damit verbundenen Forderungen geht es uns nicht darum, die Diskussion im Ro19 subtil wiederaufleben zu lassen. Wenn wir über Ro19 sprechen wollen, fordern wir dies offen ein. Die Auseinandersetzung um Max Traeger funktioniert allerdings nicht komplett, ohne die Ro19 zu thematisieren. Dabei geht es in erster Linie um die Frage, wie die GEW Hamburg in den Besitz des Hauses kam und welche Verantwortung sie damit trägt.
Aus diesen Gründen unterstützen wir den Offenen Brief und rufen dazu auf, diesen zu unterzeichnen.

26.10.2016, GEW Studis Hamburg

Download als pdf
.

Lehrergewerkschaft mit NS-Vergangenheit
Mitläufer als Aushängeschild. Die GEW gilt als links und antifaschistisch. Nun ist ihre Stiftung nach einem Mann benannt, dem Historiker Geschichtsfälschung vorwerfen.
taz vom 9.10.2016

Kommentar NS-Spuren bei der GEW
Ehrlichkeit vor der eigenen Tür. Dass es der linken Lehrergewerkschaft GEW gelungen ist, ihre NS-Vergangenheit zu verdrängen, wirft kein gutes Licht auf die Organisation.
taz vom 10.10.2016

Max Traeger kein Vorbild! NS Vergangenheit aufklären Ro19 Stellungnahme

0 Antworten auf “Max Traeger – kein Vorbild!”


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sieben × sieben =