Pick Up Seminare, Rape Culture und feministische Intervention

Ein Blick in die aktuelle GEW-Zeitung hlz lohnt sich mal wieder: Mit dabei ein Artikel von uns zu den so genannten „Pick Up Artists“, Rape Culture, der Firma Real Social Dynamics, ihrem Workshop in Hamburg und den Gegenprotesten des Bündnisses Pick up Feminism. Viel Spaß beim lesen!

Pick Up Seminare, Rape Culture und feministische Intervention –
Ein Bericht von der Arbeit des Bündnisses “Pick Up Feminism”

Teile dieses Textes wurden dem Aufruf des Bündnisses Pick up Feminism entnommen.
Für den 7. Mai hatte die US Firma Real Social Dynamics (RSD) eine sogenannte Pick Up „Freetour“ (Schnupperabend) in Hamburg geplant. Darauf folgte ein „Bootcamp“ (Wochenendseminar). Auf den viele tausend Euro teuren Seminaren wird Männern*(1) erklärt, wie sie gezielt Frauen* aufreißen können. Die 3 stündige „Freetour“ soll einen kurzen Einblick in das Business der Pick Up Artists ermöglichen, Interessierte anwerben und einen Raum zur Vernetzung schaffen. Bei Pick Up geht es nicht darum die eigene Schüchternheit beim Flirten zu überwinden. Mit ihren frauenfeindlichen ‚Aufreißtipps‘ leiten die sogenannten „Pick  Up Artists“ andere Männer dazu an, Grenzen zu überschreiten. Mit Hilfe eines mehrstufigen Plans, der vom ersten Ansprechen bis zum Sex reicht, wird den Teilnehmern erklärt wie sie Frauen* ins Bett bekommen – auch gegen deren Willen. Frei nach dem Motto „zweimal Nein heißt einmal Ja“(2) werden Frauen* objektiviert, ihr freier Wille negiert und gesetzte Grenzen ignoriert. Julien Blanc, wahrscheinlich der bekannteste „PickUp Artist“, sorgte Ende 2014 mit Videos für Schlagzeilen, in denen er durch Tokio läuft, die Gesichter von Frauen* in seinen Schritt drückt und propagiert, als „weißer Mann“ könne man dort alles machen.

Pick Up ist also eine Szene, welche durch sexistische, heteronormative (3), homophobe, trans*phobe, rassistische (4) und patriarchale Praktiken auffällt. Hinzu kommt ein reaktionäres Bild von Geschlechterrollen. Frauen* gelten als leicht zu manipulierende Objekte, die dominantes männliches Auftreten bevorzugen würden. Zu den Strategien der Pick Up Artists gehört, Frauen* entlang einer auf vielerlei Weise diskriminierenden „Attraktivitätsskala“ (von „Fatty“ zu „Hot Babe“) in Kategorien zu unterteilen, und diese dann via psychologischer Methoden wie „Push and Pull“ – einer Mischung aus Komplimenten und Herabwürdigungen – an sich zu binden. Ziel der Pick-Up-Artists ist nicht nur, mit möglichst vielen Frauen* zu schlafen, sondern sie erklärtermaßen auch psychisch zu brechen und so ‚gefügig‘ zu machen. Aggressives Verhalten bei Ablehnung seitens der Frau* ist bei erfolglosen Versuchen keine Seltenheit. Die meist weißen, heterosexuellen Teilnehmer können sich des Schutzes durch ihre privilegierte gesellschaftliche Stellung im Zweifel gewiss sein, sind sich dessen bewusst und nutzen das aus. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen* wird in der Pick-Up-Szene quasi als Wettkampf dargestellt: Je mehr Frauen jemand „physisch geführt“ hat, wie es verharmlosend heißt, als desto stärkeres und damit erfolgreicheres „Alphamännchen“ gilt jemand, und erntet damit Anerkennung.
   
Anschließen kann dies an eine gesellschaftlich dominierende Rape Culture. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen* und Trans-Personen passiert tagtäglich und wird durch Mechanismen wie Victim Blaming und Vergewaltigungsmythen immer wieder aufs Neue reproduziert, verharmlost und normalisiert. In einer Gesellschaft, in der sexuelle Übergriffe noch immer als „Kavaliersdelikte“ verhandelt werden und Opfer sexualisierter Gewalt sich regelmäßig für ihre Kleidung oder ihr Verhalten rechtfertigen müssen, in der es als „normal“ betrachtet wird, dass Frauen* sich jeden Tag in Bars und auf der Straße Kommentare zu ihrem Aussehen anhören müssen und in der fast jede siebte Frau* von sexualisierter Gewalt betroffen ist, sind RSD und Julien Blanc nicht (nur) als zu verdammende Einzelfälle zu betrachten, sondern Symptom der herrschenden Rape Culture. Dass es Pick-Up-Seminare gibt und sie erfolgreich gebucht werden, ist nur möglich, weil in unserer Gesellschaft Frauen* immer noch als weniger ernst zu nehmende Subjekte bewertet werden, denen gegenüber Gewaltausübung zur Normalität gehört.

Die sexistischen und Gewalt verherrlichenden ‚Aufreiß-Tipps‘ der Pick Up Artists sind ein lukratives Geschäft für RSD: Die Firma gibt regelmäßig ausgebuchte Seminare in 70 Ländern weltweit und ihre Videos erhalten hunderttausende Klicks. Neben RSD existieren viele weitere Firmen, welche ähnliche Seminare anbieten. Im Juli und Oktober 2015 sollen bereits die nächsten Pick Up Seminare in Hamburg stattfinden. 

Das Bündnis Pick Up Feminism

Im Januar 2015 wurde das Bündnis „Pick up Feminism“ von verschiedenen Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen in Hamburg gegründet. Wir, die GEW.Studis Hamburg sind Teil dieses Bündnisses.
Von März bis Mai 2015 organisierte das Bündnis drei Veranstaltungen, welche verschiedene Aspekte von Pick up näher beleuchten. Neben Veranstaltungen zu „Was ist Pick-Up?“ und „Rape Culture“ wurde in einer Veranstaltung zu „Kritischer Männlichkeit und ihrer Vermittlung“ versucht die Wirkmächtigkeit des Geschlechterverhältnisses für alle Geschlechter zu analysieren und kritische Perspektiven auf Geschlecht sowie die Arbeit mit Jungen* und Männern* zu werfen. Drei Vertreter*innen aus der (pädagogischen)Praxis berichteten über Projekte, in denen sich kritisch mit hegemonialer Männlichkeit befasst wird. Im Mittelpunkt der Veranstaltungen standen die Fragen wie Jungen* und Männer* für eine emanzipatorische Veränderungen der Geschlechterverhältnisse gewonnen werden können, wie kritische Männlichkeit lern- und vermittelbar ist, wie die konkreten Praxen in Hamburg dazu aussehen und unter welchen Bedingungen und Perspektiven sie arbeiten.  Mit den Veranstaltungen scheint ein Nerv getroffen worden zu sein. Das Centro Sociale oder Raum ABC der Geschäftsstelle, Veranstaltungsorte der Reihe, waren an den Abenden prall gefüllt, das Interesse an dem Thema groß. Das Bündnis Pick Up Feminism will an dieser Stelle weiter ansetzen und das Thema weiter verfolgen, scheinbar gibt es noch viele offene Fragen. 

Für den 7. Mai, dem Termin der so genannten „Freetour“ von RSD, rief das Bündnis zu Protesten auf. Der Ort der Veranstaltung wurde bis zuletzt geheim gehalten. Der Versuch über den Hotel- und Gaststättenverband Druck auf den Tagungsort auszuüben blieb erfolglos. Unser Plan war, zum spontan bekannt gegebenen Ort der „Freetour“ zu fahren und diese nicht ungehindert stattfinden zulassen. Wenn in Hamburg solche Veranstaltungen durchgeführt werden, muss mit Protest gerechnet werden. Über 100 Aktivist*innen folgten dem Aufruf sich am Hamburger HBF zur gemeinsamen Anreise zum Veranstaltungsort zu treffen. Letztendlich verlegte RSD das Seminar kurzfristig ins Internet und machte dem direkten Protest somit unmöglich. Trotzdem werten wir die Aktion als Erfolg.  Ziel der „Freetour“ ist es u.a. eine Vernetzung von Interessierten herzustellen. Männer* können sich dort kennen lernen und später gemeinsam durch Bars ziehen und das Erlernte Anwenden. Durch die Verlegung des Seminares ins Internet wurde dies verhindert. Es ist scheinbar nicht möglich eine solche Veranstaltung in Hamburg ungehindert durchzuführen. Auch in anderen Städten gab es bereits Proteste gegen Pick Up Seminare. 

Es gilt weiterhin Pick Up Seminare in Hamburg und überall zu problematisieren und zu verhindern. Es gilt darauf aufmerksam zu machen, dass Sexismus, Heteronormativität und Patriarchat Strukturmerkmale dieser Gesellschaft sind. Es gilt auch, dies nicht hinzunehmen. Wir erleben Tag für Tag schon genug rassistische, trans*feindliche, sexistische Kackscheiße. Macker, die anderen beibringen, wie sie Menschen nach Belieben manipulieren und unterdrücken können, und Hoteliers, die davon profitieren, können wir nicht gebrauchen. Wir wollen nicht nur RSD und Pick-Up-Artists wie Julien Blanc etwas entgegensetzen, sondern Rape Culture als Struktur auf gesamtgesellschaftlicher Ebene bekämpfen. Die Kampagne „Pick Up Feminism – Take Down RSD“ hat sich als queer_feministisches Bündnis aus unterschiedlichen politischen Zusammenhängen zum Ziel gesetzt, der Rape Culture auf verschiedenen Ebenen den Kampf anzusagen. Es geht nicht nur darum, dass RSD in Hamburg kein Raum gegeben werden soll, sondern um den Kampf gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen* überall!

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(1) Erklärung Frau* / Mann* 
Die Kategorie Geschlecht ist ein gesellschaftliches Strukturmerkmal, über das wir uns und andere wahrnehmen und definieren. In der bürgerlichen Gesellschaft gilt dabei die Norm der Zweigeschlechtlichkeit. Menschen werden einer von zwei Geschlechter-Kategorien (Frau oder Mann) zugeordnet. 
Diese Kategorien sind allerdings nicht naturgegeben, sondern als historisch gewachsene Konstruktionen, die Menschen unterschiedlich große Handlungsspielräume zuweisen, zu verstehen. Mit dem Sternchen bei Frau* und Mann* wollen wir diese Konstruktion sowie Menschen, die sich zwischen oder jenseits von männlich* und weiblich* verorten, sichtbar machen.

(2) „Zweimal nein, heißt einmal ja“, ein Deutscher Schlager von Sigrid & Marina

(3) Heteronormativität beschreibt ein „gesellschaftlich institutionalisiertes Denk- und Verhaltenssystem, welches Heterosexualität anderen Formen sexueller Orientierung als überlegen klassifiziert und jede nicht-heterosexuelle Form von Identität und Verhalten ablehnt und stigmatisiert“(www.homophobie.at). Heteronormativität ist dabei eng mit Zweigeschlechtlichkeit verknüpft. Es weist auf ein binäres Geschlechtersystem hin, in dem nur weibliches und männliches Geschlecht existieren (Zweigeschlechtlichkeit), welche körperlich und sozial klar voneinander unterschieden werden und sich ausschließlich gegenseitig Begehren. In der bürgerlichen Gesellschaft wird ein heteronormativer Lebensentwurf als normativ angesehen. Dies wird auch in der Pick Up Ideologie sichtbar. Die Männer* gehen hierbei davon aus, dass sich Frauen* immer und ausschließlich auf sie beziehen. Lesbische Frauen kommen in ihrer Lebensrealität nicht, oder nur als beschädigte Frauen* vor. Schwule Männer* erfüllen nicht das Bild hegemonialer Männlichkeit und erfahren Diskriminierung und Gewalt.

(4) Gegenüber Women* of Color ist die Pick Up Szene häufig noch respektloser als gegenüber weißen Frauen*. Zu der sexistischen Abwertung kommt eine Exotisierung und verstärkte Sexualisierung hinzu, oder sie werden als minderwertig gegenüber weißen Frauen* gesehen.  

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