Gemeinsamer Aufruf zur Schulreform„Gibt es eine richtige Schule im Falschen?“

Gibt es eine richtige Schule im Falschen?

„Sind aber Schulen der falsche Ort, um eine Fertigkeit zu erlernen,
sind sie es erst recht, um Bildung zu vermitteln.
Die Schule erfüllt beide Aufgaben deshalb schlecht,
weil sie häufig nicht zwischen ihnen unterscheidet.“

(Ivan Illich)

Bildungs- und Schulpolitik sind zentrale Themen in der kapitalistischen Wissensökonomie. Das liegt daran, dass Bildung in ihr eine bestimmte Funktion hat, nämlich für die Anpassung an gesellschaftliche Normen und die Verfügbarkeit junger Menschen für den Arbeitsmarkt zu sorgen. Deshalb sind Reformen in der Schulstruktur seit über 100 Jahren ein zwischen konservativen und progressiven Kräften stark umkämpftes Thema.

Dieses Ringen um den richtigen Weg in Fragen der Schulstruktur erleben wir zur Zeit zwischen – einerseits – den sich selbst so nennenden „Die Schulverbesserer“ (Befürworter_innen der schwarz-grünen Primarschulreform) und – andererseits – der erzkonservativen Initiative „Wir wollen lernen“, die von der FDP unterstützt wird. Der Konsens der Schulverbesserer ist jedoch ein wackeliger, da das Verständnis von Bildung und Schulstruktur variiert. Die LINKE und Teile der SPD stehen eigentlich für „Eine Schule für alle“ ein. Für das gemeinsame Lernen aller Schüler_innen eines Jahrgangs von der ersten bis zur zehnten Klasse. Der Konsens eines um zwei Jahre verlängerten gemeinsamen Lernens durch die Primarschule beinhaltet also, dass er für einige nur ein erster Schritt zu einer 10jährigen Gemeinschaftsschule sein soll. Doch ist das realistisch? Sind die Chancen auf „Eine Schule für alle“ nicht gerade durch die Primarschule auf Jahre hin verbaut?

Die 2009 beschlossene Schulreform des schwarz-grünen Senats soll die vierjährige Grundschule durch die sechsjährige Primarschule ersetzen und statt des viergliedrigen Schulsystems soll es in Zukunft nur noch zwei Schulformen – die exklusiven Gymnasien und die Stadtteilschulen, wobei Sonderschulen wie üblich vergessen werden – geben. Dagegen gründete sich bereits Anfang 2008 die Initiative „Wir wollen lernen“. Diese versucht per „Volksentscheid“ die Reform aufzuhalten. Mit einer kalkulierten Mischung aus Panikmache und haltlosen Behauptungen betreibt die Initiative billige Propaganda um Bildungsprivilegien zu retten. Dabei schrecken sie auch nicht vor der Verdrehung von Tatsachen zurück. So wird z.B. propagiert, dass die Einführung von Stadtteilschulen die soziale Spaltung in der Stadt verschärfen würde – und –, dass das mehrgliedrige Schulsystem als Ausdruck erhaltenswerter „Bildungsvielfalt“ zu verstehen sei. Es ist dreist soziale Selektion als Vielfalt zu bezeichnen.

Dass hinter dieser Kampagne vor allem ein herrschaftliches Klientel steckt, zeigt sich unter anderem daran, dass auf juristischem Wege alles in Gang gesetzt wird, um Proteste gegen die eigene Initiative mundtot zu machen. So wurde der „Jungen GEW“, die mit einem Konterfei Sky du Monts (einem der prominenten Unterstützer) auf Masken und Flyern gegen „Wir wollen [ohne die Arbeiter_innenkinder] lernen“ protestierte, eine Klage wegen der Verletzung von Persönlichkeits-rechten angedroht. Streitwert: 50.000€.

Das elitäre Volksbegehren war zwar schließlich mit mehr als 180.000 Unterschriften erfolgreich, dennoch brachte der anschließende Dialog zwischen Senatspolitiker_innen und Vertreter_innen der Initiative keine Einigung, was bedeutet, dass es bis zum 18. Juli 2010 einen Volksentscheid geben wird, in dem für oder gegen die Schulreform entschieden werden kann.

Schule und Diskriminierung als System

Das vielgliedrige deutsche Schulsystem ist das selektivste in den so genannten westlichen Industrieländern. So belegen die PISA-Studien, dass die Wahrscheinlichkeit einer gymnasialen Schullaufbahn für ein Akademiker_innenkind gegenüber einem Arbeiter_innenkind sogar bei schlechterer Leistung deutlich höher liegt. Auch im Bericht des UN-Sonderberichterstatters fürBildung, Vernor Muñoz, wurde 2007 festgestellt, dass die frühe Selektion im deutschen Schulsystem dazu führt, dass ohnehin schon benachteiligte Kinder und Jugendliche doppelt benachteiligt werden. Diese strukturelle Diskriminierung im deutschen Schulsystem äußert sich z.B. darin, dass an Sonder- und Hauptschulen der Anteil an Schüler_innen mit geringem kulturellen Kapital, Migrationshintergrund oder Behinderungen im Vergleich zu anderen weiterführenden Schulen überproportional hoch ist.

Gegen diese Selektion richten sich auch einige Unternehmensvertreter_innen, die sich durch längeres gemeinsames Lernen Verbesserungen erhoffen. Gemein ist eben auch, dass das Gemeinsame zu den Erfordernissen einer auf Teamarbeit basierenden kapitalistischen Wirtschaft passt. Deshalb sind Schulen – als zentrale ideologische Staatsapparate – bei der Verinnerlichung und Verallgemeinerung kapitalistischer Produktionsverhältnisse bzw. in der Formierung ent- sprechender Subjektivitäten behilflich. Weil der Kapitalismus sich geändert hat, ändern sich nun die Bildungseinrichtungen.

Ein – wenn auch unzureichender – Schritt in die richtige Richtung

Die Überwindung des exklusiven Schulsystems in Richtung eines inklusiven, in dem sich Schüler_innen in solidarischen Lernformen gegenseitig in der Entwicklung unterstützen und nicht aufgrund von scheinobjektiven Leistungsunterschieden selektiert werden, ist dringend erforderlich, die schwarz-grüne Reform ist hierfür jedoch höchstens ein erster Schritt. Es wird Teil des weiteren sozialen Kampfes um freie Bildung bleiben, ob die Schule sich in Richtung einer zunehmenden Verinnerlichung gesellschaftlicher Herrschaftsbeziehungen durch die Erlangung von Beschäftigungsfähigkeit entwickelt oder ob sie als Chance für eine tiefergehende soziale Öffnung und Durchlässigkeit des (Bildungs-)Systems im Sinne einer größeren gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit der Menschen verstanden werden kann.

Die progressiven Forderungen nach „besserer Bildung für alle“ sind mit der Analyse des Zwecks von Bildung im Kapitalismus zu verbinden. Dies auch, um zu untersuchen, warum Schulen nicht dazu taugen jene Art des schöpferischen Lernens zu fördern, welche mit dem Begriff ‚liberal education’ umschrieben werden kann: die forschende Anwendung erworbener Fertigkeiten, die weder zweckgebunden noch auf bereits festliegende Ergebnisse ausgerichtet ist. Es geht somit um eineEntschulung und nicht um eine andere Schule.

Zumal die Kritik an der Verschulung sich im Aufbau von Alternativschulen erschöpft hat und nur eine andere Art und Weise von Unterrichtung hervorgebracht hat. Was der Logik nach etwa so wirkt, als wenn der auf fossilen Brennstoffen basierende Kapitalismus dadurch ökologisch nachhaltig werden soll, indem das Sparauto für alle eingeführt wird. Umso mehr ist dem Appell von Ivan Illich zuzustimmen: „Überall bedarf nicht nur das Bildungswesen, sondern die Gesellschaft als Ganzes der ‚Entschulung’. […] Die radikalste Alternative zur Schule wäre ein Netzwerk oder ein Service, der jedermann die gleiche Gelegenheit bietet, seine jeweiligen Anliegen mit anderen zu teilen, welche dieselben Anliegen haben.“ So wird erkennbar, dass es eigentlich um eine post-kapitalistische Konstellation geht, in der eine umfängliche Entschulung, als Emanzipation der Subjekte von erziehender Entwicklung, möglich wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wer nur gegen das bildungselitäre „Wir wollen lernen“-Volksbegehren protestiert, nicht automatisch für eine andere und emanzipatorische Bildung eintritt. Nichtsdestotrotz könnte die Schulreform des Senats eine tendenzielle Abkehr vom viergliedrigen Schulsystem als historisch überholtes deutsches Unikat ermöglichen. Ein Scheitern der Reform würde bundesweit die durchaus bestehenden Hoffnungen zur Veränderung des Schul- systems deutlich schwächen.

Keine Stimme für „Wir wollen lernen“! Beteilige Dich an den Aktionen gegen das Volksbegehren „Wir wollen lernen“.

Für selbstbestimmte Bildung und Wissens-Communismus!

Unterstützer_innen: Gewerkschaftliche Hochschulgruppe (GsHg), Avanti /undogmatische Linke, Junge GEW, ver.di Studierende, Linke SDS, Regenbogen/Alternative Linke und GEW-Studis

Der Aufruf als PDF: Gibt es eine richtige Schule im Falschen?


3 Antworten auf “Gemeinsamer Aufruf zur Schulreform„Gibt es eine richtige Schule im Falschen?“”


  1. 1 Andreas 09. Juni 2010 um 2:57 Uhr

    Wir haben den Aufruf auf unserer Seite dokumentiert. Ich persönlich finde ihn sehr gut.

  1. 1 Aktuell: Nazi-Kundgebung am 17.07 gegen die Schulreform verhindern « Pingback am 11. Juli 2010 um 23:31 Uhr
  2. 2 Nazi-Kundgebung am 17.07 gegen die Schulreform verhindern « Gewerkschaftliche Hochschulgruppe Hamburg Pingback am 12. Juli 2010 um 16:08 Uhr
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