„Another World Is Possible“ – Reisebericht vom Europäischen Sozialforum 2008 in Malmö

Vom 18.-21.09. fand in Malmö, Schweden, das fünfte Europäische Sozialforum (ESF) statt. Angeregt durch das Weltsozialforum im Jahr 2001 in Porto Alegre, Brasilien, wurde das ESF zum ersten Mal 2002 in Florenz als kontinentales Treffen der Weltsozialforumbewegung veranstaltet. Die inhaltliche Grundlage bildet auch beim Europäischen Sozialforum die Charta der Prinzipien des Weltsozialforums1.

In diesem Jahr wurden von verschiedenen Organisationen (Gewerkschaften, NGOs, sozialen Bewegungen) ca. 800 Veranstaltungen angemeldet, ca. 250 Workshops, Seminare und Lesungen fanden letztendlich statt. Die GEW hatte in Zusammenarbeit mit anderen europäischen Bildungsgewerkschaften zwei Veranstaltungen registriert von denen jedoch im Zuge der konkreten Programmplanung leider nur eine angeboten wurde. Das Themenspektrum war weit gefächert: es reichte von Anti-Atom über Bürgerrechte, Krieg und Frieden, Antimilitarismus, Bildungspolitik und Privatisierung bis hin zu Antirassismus.
Die Effekte der aktuellen neoliberalen Umstrukturierungen und alternative Konzepte wurden in fast allen Veranstaltungen thematisiert. Ein weiterer wichtiger Aspekt, dem sich in vielen Veranstaltungen gewidmet wurde, war die Diskussion der Rolle der Gewerkschaften und ihre Verbindung zu sozialen Bewegungen in dieser Auseinandersetzung.
Parallel zu den politischen Programmpunkten wurde ein umfangreiches Kulturprogramm auf die Beine gestellt: Es wurden Konzerte und Ausstellungen veranstaltet und Filme und Theaterstücke aufgeführt. Die Veranstaltungsorte – Schulen, Kirchen, Konferenzräume, Kulturzentren, Sporthallen – waren über die gesamte Stadt verteilt. Außerdem gab es Orte, an denen sich besonders mit bestimmten Themenfeldern beschäftigt wurde: so präsentierten sich z.B. auf dem „Labour Square“ die europäischen Gewerkschaften und ihre Jugendverbände, auf dem „Latin Square“ waren linke lateinamerikanische Gruppen präsent.

GEW-Studis aus ganz Deutschland in Malmö
Wir waren zusammen mit den anderen ca. 15 GEW-Studierenden aus Deutschland in einer Jugendherberge im Süden der Stadt – ca. 20 Minuten von den verschiedenen Veranstaltungsorten entfernt – untergebracht. Von der Bundes-GEW war am Mittwochabend ein Treffen organisiert worden, dass der internen Vernetzung und thematischen Vorbereitung diente. Ein in die Vorbereitung des Forums involvierter Kollege gab uns einen Einblick in die Organisationsprozesse hinter den Kulissen und wir verabredeten uns für bestimmte Veranstaltungen aus dem Themenbereich „Bildung“ und für die Abschlussdemonstration am Samstag.
Um das Wissen über gemeinsame Kämpfe gegen die aktuelle neoliberale Politik zu teilen und die Diskussion von Analysen der aktuellen Lage zu unterstützen, dokumentierten wir die von uns besuchten Workshops, Seminare und Vorträge in Bild und/oder Ton und werden sie über unsere Homepage http://gewstudis.blogsport.de/ öffentlich verfügbar machen.
Wir besuchten mehrere interessante Veranstaltungen, möchten an dieser Stelle aber nur auf eine für uns als Studierende in der GEW besonders interessante näher eingehen.

Die europaweiten Auswirkungen des Bologna-Prozesses
Am Freitag Abend besuchten wir eine Podiumsdiskussion zum Thema „The Opposition in Europe to neoliberal Politics – Higher Education“ in der Värner Rydènskola. Es diskutierten ein Kollege aus einer italienischen Gewerkschaft, die Sprecherin der französischen Studentenunion, eine Dozentin aus Spanien und ein Gewerkschaftskollege aus Frankreich. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass alle ReferentInnen darin übereinstimmten, dass die Umsetzung des Bologna-Prozesses europaweit verheerende Auswirkungen sowohl auf die Situation der Studierenden und Lehrenden als auch auf die Qualität von Wissenschaft, Forschung und die Verwirklichung von allgemeiner und nachhaltiger Bildung hat. Vor dem Hintergrund der ohnehin schon ungleichen Chancen auf Zugang zu (akademischer) Bildung und befördert durch den Elitediskurs tritt die Verwirklichung von freiem Zugang zu Bildung als fundamentales Menschenrecht mehr und mehr in den Hintergrund. Sie wird ersetzt durch eine Vorstellung von „Bildung“ als individuelle Investition ins eigene (Human-)Kapital. Die lang anhaltende Unterfinanzierung der Hochschulen führt dazu, dass private Akteure als „finanzielle Retter“ der Universität einspringen können und so de facto vormals öffentliches Eigentum geraubt (privatisiert, lat. von privare ~ rauben) wird. Gleichzeitig findet europaweit ein Umbau der Universitäten hin zu nach marktwirtschaftlichen Kriterien organisierten „Bildungsunternehmen“ statt („gouvernement d’université comme un entreprise“), die sich im Wettbewerb untereinander auf dem internationalen Bildungsmarkt positionieren sollen.2
All diese Entwicklungen im europäischen Hochschulsystem werden zwar aufgrund der unterschiedlichen landespolitischen Machtverhältnisse und Hochschultraditionen verschieden umgesetzt, gehen aber überall in die gleiche Richtung. Alle Referent_Innen waren sich darin einig, dass sie nach einer europaweiten Gegeninitiative verlangen, welche sich der Privatisierung von Bildung widersetzt und die umfassende Realisierung des Menschenrechts auf Bildung vorantreibt, denn die Umstrukturierungen im Bildungssystem laufen europaweit nach den gleichen ideologischen Mustern ab. Nun ist es an der Zeit Theorie und Praxis miteinander zu verbinden und der kritischen Analyse konkrete politische Maßnahmen folgen zu lassen. Auch die GEW als Mitglied der Bildungsinternationalen3 sollte die europaweite Vernetzung der Gewerkschaften vermehrt aktiv mitgestalten.

Abschlussdemonstration + Fazit
Am Samstag Nachmittag demonstrierten wir dann mit einem Teil der – in Michael Hardts Worten – organisierten europäischen Multitude4 in ihrer vielfältigen Form durch die Straßen von Malmö. Insgesamt beteiligten sich ca. 15000 Personen an der Demonstration.
Das Spektrum der Demonstrierenden reichte von Gewerkschaftler_Innen, anarchistischen Gruppen, katholischen Arbeiterorganisationen und Autonomen, über Antifaschist_Innen, Naturschützer_Innen, Sozialist_Innen, Kommunist_Innen und Studierende. Allen gemein war die Kritik der herrschenden neoliberalen Ordnung und die Forderung nach einer besseren und gerechteren Zukunft für alle.
Für uns war es das erste Europäische Sozialforum und die außerordentliche Vielfalt von Veranstaltungen war sehr bereichernd und inspirierend. Insbesondere für die GEW-Studierendengruppe war die Möglichkeit der Vernetzung mit anderen aktiven Studierenden und Referendar_Innen und der Austausch über die Lage an anderen Universitäten sehr produktiv. Die Erfahrung, dass an vielen Stellen in Europa engagierte Menschen in ähnliche (Abwehr-) Kämpfe involviert sind, macht Mut für kommende Auseinandersetzungen diesseits und jenseits einzelstaatlicher Aktivitäten.

Christian und Florian, GEW-Studierendengruppe Hamburg

  1. http://weltsozialforum.org/prinzipien/ [zurück]
  2. In Deutschland forcieren die „uneigennützigen“ Anstrengungen des Bertelsmann-Konzerns und seiner Organisationen, wie z.B. dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), diese Entwicklungen. siehe dazu die GEW-Broschüre „Privatisierungsreport 6 – Schöne neue Hochschulwelt“ – http://www.gew.de/Binaries/Binary34669/080415_GEW-Priva-6-final.pdf [zurück]
  3. vgl. http://www.ei-ie.org/ [zurück]
  4. vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Multitude [zurück]

1 Antwort auf “„Another World Is Possible“ – Reisebericht vom Europäischen Sozialforum 2008 in Malmö”


  1. 1 Administrator 02. Oktober 2008 um 14:22 Uhr

    Fotos vom ESF finden sich u.a. hier: http://www.panoramio.com/user/2297619

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