Eine Schule für alle – Ein Zwischenziel im Kampf gegen soziale Ungleichheit!

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Im letzten Jahr hat sich mit der Initiative „Eine Schule für alle“ ein gesellschaftliches Bündnis gebildet, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, den deutschen Sonderweg eines selektiven, mehrgliedrigen Schulsystems zu verlassen. Dass es sich bei diesem Ansinnen um eine bedeutende soziale Frage handelt, ist bereits daran erkennbar, dass Anfang 2008 von konservativer Seite eine gegenläufige Initiative – „Wir wollen [ohne die Anderen] lernen“ – zur Rettung des feudalen Gymnasiums gegründet wurde. Darüber hinaus ist mit der GAL eine Partnerin der Initiative Eine Schule für alle nun Stichwortgeberin des von der CDU favorisierten Schulstrukturmodells. Bis zu dem Pakt mit der CDU hatten die Grünen noch mit dem Konzept „Neun macht klug“ für das Ziel der Einen Schule für Alle geworben. Mit dem aktuell von der schwarz-grünen Regierungskoalition verfolgten Ziel der sechsjährigen Primarschule, an die sich die Stadtteilschule oder das Gymnasium anschließen soll, würde die Grundschule als bisher einzige Schule für alle abgeschafft. Tendenziell wird auf diese Weise mit der Selektion der Kinder schon vor der 1.Klasse begonnen: „Sieben macht klug“ (Goetsch)! Die GAL macht sich so zur Steigbügelhalterin einer Schulreform, welche die Mehrgliedrigkeit des Schulsystems auf Dauer zementiert und damit voll auf der Linie der Konservativen liegt.
Ein erster Schritt zu einer Schule für alle ist Anfang des Jahres dadurch erreicht worden, dass mit 15.000 gesammelten Unterschriften das erste Hindernis zu einem Volksbegehren genommen wurde. Um die nächste Hürde zu nehmen, müssen vom 19.9. bis zum 9.10.2008 mindestens 61.000 Unterschriften gesammelt werden, damit im nächsten Jahr durch einen Volksentscheid über den Gesetzesentwurf der Initiative Eine Schule für alle abgestimmt werden kann. Und auch wenn Deine Stimme hier nicht abgegeben werden soll, so ist dieser Flyer doch auch eine Einladung an Dich zu unterschreiben.
Wer weitergehend aktiv werden möchte, kann sich z.B. auch als Unterschriftensammler_in auf www.eineschule.de eintragen. Hier finden sich zudem Hintergrund und Kontaktinformationen.

Einheit in der Vielfalt

Doch was nun eigentlich bedeutet eine Schule für alle? Etwa ein riesiges Schulgebäude, das auf der zuasphaltierten Alster für alle Schüler_innen Hamburgs errichtet wird? Ein Schulprojekt, das eine integrative und jahrgangsübergreifende Struktur mit einem prozess-, handlungs- und subjektorientierten Lernen verbindet und eher moderierende Lehrer_innen erfordert, als das sie belehrend gebraucht würden? Was eine Schule für alle bezogen auf einzelne Schulen bedeuten könnte, lässt sich momentan wohl am Besten an den mannigfaltigen bereits existierenden didaktischen, schulorganisatorischen und auf unterschiedliche Lebenswelten bezogenen Konzepten ablesen: Einheit in der Vielfalt. Da diese Vielfältigkeit hier selbstredend nicht abgebildet werden kann, sei – als beispielhafte Einblicke – nur auf die Internetpräsentationen der Bielefelder Laborschule, der Schule Chemnitzstraße (Hamburg) und der Max Brauer Schule (Hamburg) hingewiesen. Für solche und weiterhin zu entwickelnde, exemplarische Schulkonzepte einen verbindlichen rechtlichen Rahmen herzustellen, das erscheint, auch mit einer emanzipatorischen Perspektive, als realisierbare Möglichkeit. Eine solch grundsätzliche Reform der Schulstruktur ist bereits seit
fast einhundert Jahren ein zwischen konservativen und progressiven Kräften umkämpftes Thema.

Diskriminierung als Prinzip

Das vielgliedrige deutsche Schulsystem ist in den sogenannten westlichen Industrieländern neben dem österreichischen das sozial selektivste, wie in zahlreichen Studien nachgewiesen wurde. Bereits die PISA-Studien hatten belegt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs für ein Akademikerkind in Deutschland knapp siebenmal so hoch wie jene eines Facharbeiterkindes ist. Selbst bei gleicher individueller Lese- und Mathematikkompetenz betrug dieses Verhältnis noch 4 zu 1. Im Bericht des UN-Sonderberichterstatters für das Menschenrecht auf Bildung, Vernor Muñoz, aus dem Jahre 2007 wurde festgestellt, dass die frühe Selektion im deutschen Schulsystem dazu führt, dass sowieso schon benachteiligte Kinder zu doppelt benachteiligten werden. Kinder aus sozial schwachen Schichten, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder mit Behinderungen werden systematisch benachteiligt und diskriminiert. Der strukturelle Rassismus des deutschen Schulsystems
äußert sich z.B. in dem Fakt, dass an sogenannten Sonder- und Hauptschulen der Anteil an Kindern und Jugendlichen mit geringem kulturellem Kapital, Migrationshintergrund oder Behinderungen im Vergleich zu weiterführenden Schulen überproportional hoch ist.
Diese Kinder werden so systematisch und strukturell auf einen bestimmten gesellschaftlichen Status festgelegt. ALLE Kinder haben das (Menschen-) Recht auf bestmögliche Förderung und bestmögliche Bildungschancen! Dies darf nicht vom kulturellen und finanziellen Kapital der Eltern abhängen.

Länger gemeinsam lernen ohne Ausgrenzung

Das Begehren könnte somit als Rahmensetzung für vielfältige Entwicklungen von Subjekten und Schulen auf Basis gemeinsamer Vereinbarungen bezeichnet werden. Wobei zu bedenken bleibt, dass, so demokratisch dies auch klingen mag, eine Schule für alle im Rahmen kapitalistischer Vergesellschaftung einen unangenehm schalen Beigeschmack behält. Eine solche Reform brächte das Schulsystem zunächst einmal nur auf die Höhe der Erfordernisse der aktuellen Ökonomie. Das Schulsystem würde die zentrale Rolle bei der gesellschaftlichen Verinnerlichung und Verallgemeinerung kapitalistischer Produktionsverhältnisse bzw. in der Formierung entsprechender Subjektivität weiterhin erfüllen: Die Schule bliebe als Ort der disziplinierenden Qualifizierung der zentrale ideologische Staatsapparat (Althusser). Dies zu bedenken bedeutet jedoch nicht, dass es nicht an der Zeit wäre, das bestehende vielgliedrige Schulsystem als historisch überholtes deutsches Unikat zu überwinden!
Ob diese Notwendigkeit sich jedoch in Richtung einer weitergehenden Verinnerlichung gesellschaftlicher Herrschaftsbeziehungen durch die Erlangung von Beschäftigungsfähigkeit (employability) entwickeln wird oder als Chance einer tiefergehenden sozialen Öffnung und Durchlässigkeit des (Bildungs-)Systems im Sinne einer größeren gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit der Menschen verstanden werden kann, dies wird selbst Teil des weiteren sozialen Kampfes um Bildung bleiben. Es ist allerdings hervorhebenswert, dass heute die Chance besteht die Tür für zukünftige Kämpfe auf Grundlage der Nichtselektion zu öffnen! Was auch beinhaltet, dass die Fragen um globale soziale Rechte – auch, doch wahrlich nicht nur, in Bezug auf Bildung – notwendigerweise mit der Frage nach einer postkapitalistischen Zukunft zu verbinden wären.
Insofern: Lasst uns fragend voran schreiten und eine Realutopie entwickeln, welche die Schule gemeinsam in Bewegungen versetzen will.

Bilde Dich! Bilde andere!
Eine andere Schule ist möglich!
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